Phase 1: Inventar und Klassifikation (sofort starten)
Schritt 1.1: Vollständiges KI-Inventar erstellen
Liste aller KI-Systeme, die in Ihrem Unternehmen eingesetzt werden:
Für jedes System notieren: Was tut es? Auf wessen Daten? Mit welchen Auswirkungen?
Schritt 1.2: Risikoklassifikation durchführen
Für jedes System prüfen Sie drei Fragen:
Frage 1: Fällt das System unter eine verbotene Praxis (Art. 5)? Social Scoring, manipulative KI, nicht-autorisierte Biometrie? Falls ja: sofort abschalten oder grundlegend modifizieren.
Frage 2: Fällt der Anwendungsfall unter Anhang III? HR-KI, Kreditvergabe-KI, kritische Infrastruktur-KI, Bildungs-KI, Rechtspflege-KI? Falls ja: Hochrisiko-Anforderungen erfüllen.
Frage 3: Kommuniziert das System direkt mit Nutzern als KI-Agent oder Chatbot? Falls ja: Transparenzpflichten erfüllen.
- Intern entwickelte KI-Systeme (eigenes Code-Repo)
- KI-Funktionen in eingekaufter Software (HR-Software mit KI-Scoring, CRM mit Empfehlungsmotor)
- KI-SaaS-Dienste (ChatGPT-API, Copilot, Midjourney für Marketing)
- KI-Plugins in bestehenden Tools (Grammarly, Notion AI, GitHub Copilot)
Phase 2: Maßnahmen für Hochrisiko-Systeme (falls vorhanden)
Falls Sie in Phase 1 Hochrisiko-Systeme identifiziert haben:
Schritt 2.1: Technische Dokumentation erstellen (Anhang IV)
Die Dokumentation muss enthalten:
Schritt 2.2: Konformitätsbewertung durchführen
Für die meisten Hochrisiko-Systeme: Selbstbewertung nach den harmonisierten Normen (sobald verfügbar) oder nach den Anforderungen von Anhang VI des EUAIA. Dokumentieren, dass Ihr System die Anforderungen erfüllt.
Schritt 2.3: Logging-System implementieren
Das System muss automatisch Logs generieren:
Aufbewahrungsfrist: mindestens die in Anhang XII vorgesehene Zeit (in der Regel 10 Jahre für Hochrisiko in kritischen Bereichen, kürzer für andere).
Schritt 2.4: Menschliche Aufsicht sicherstellen
Hochrisiko-Systeme müssen so gestaltet sein, dass:
Schritt 2.5: Registrierung in EU-Datenbank
Sobald die EU-KI-Datenbank operativ ist (voraussichtlich ab August 2026), müssen Hochrisiko-Systeme registriert werden. Vorbereitung: alle Dokumentationsunterlagen aus 2.1 zusammenstellen.
- Allgemeine Beschreibung: Zweck, Version, Trainingsdaten-Herkunft
- Leistungsmetriken: Genauigkeit, Fehlerquoten, bekannte Limitierungen
- Risikomanagementsystem: identifizierte Risiken und Gegenmaßnahmen
- Datengovernance: Wie werden Trainingsdaten qualitätsgesichert?
- Zeitstempel jeder Anfrage
- Relevante Eingabedaten (soweit datenschutzkonform)
- Ausgabe/Entscheidung des Systems
- System-Konfiguration zum Zeitpunkt der Entscheidung
- Entscheidungen durch Menschen überprüft werden können
- Ein Mensch eingreifen und das System stoppen kann
- Automatische Entscheidungen nicht unwiderruflich sind
Phase 3: Transparenzpflichten (für alle mit Chatbots/generativer KI)
Schritt 3.1: KI-Kennzeichnung bei Nutzerkontakt
Wenn Ihr Unternehmen einen KI-Chatbot oder KI-Agenten einsetzt, der mit Menschen kommuniziert:
Umsetzung: Hinweis in der Benutzeroberfläche, z.B. "Dieser Assistent wird von KI unterstützt."
Schritt 3.2: Deep-Fake und generierte Medien kennzeichnen
KI-generierte oder -manipulierte Bilder, Videos und Audiodateien müssen als solche gekennzeichnet werden, sofern sie nicht offensichtlich fiktional sind. Relevant für Marketing-Teams, die KI-Bildgeneratoren nutzen.
- Nutzer müssen in Echtzeit informiert werden, dass sie mit KI interagieren
- Dies gilt für Chatbots auf Ihrer Website, automatisierte E-Mail-Antworten mit KI, KI-Telefon-Agenten
Phase 4: Governance-Strukturen aufbauen
Schritt 4.1: Verantwortlichkeit intern klären
Benennen Sie eine verantwortliche Person für EU-AI-Act-Compliance in Ihrem Unternehmen. Das muss keine eigene Stelle sein. Bei KMU ist das oft der CTO oder Datenschutzbeauftragte mit erweitertem Aufgabenbereich.
Schritt 4.2: Drittanbieter-KI prüfen
Für jeden KI-Dienst, den Sie einkaufen: Prüfen Sie, ob der Anbieter EUAIA-Konformitätsdokumentation bereitstellt. Als Betreiber sind Sie mitverantwortlich, auch wenn das System von einem Drittanbieter stammt.
Schritt 4.3: Internes Schulungsprogramm
Mitarbeiter, die KI-Systeme bedienen oder deren Outputs nutzen, müssen über die Grenzen und Risiken des Systems informiert sein. Kein Seminar nötig. Ein klares internes Merkblatt mit den wichtigsten Dos and Don'ts reicht für den Anfang.
Was Sie beruhigen kann: Die meisten Mittelständler sind nicht betroffen
Wenn Ihr Unternehmen KI einsetzt für: Marketing-Texte, interne Wissensabfragen, Code-Assistenz, Dokumentenanalyse ohne Entscheidungsautomatik, dann haben Sie höchstwahrscheinlich kein Hochrisiko-System. Die Transparenzpflicht für Chatbots ist der wichtigste Punkt.
Mein Rat: Machen Sie das Inventar. Es kostet einen Tag, und Sie wissen danach mit Sicherheit, wo Sie stehen.
---
Vollständiger EU AI Act Leitfaden: Risikoklassifikation, Strafen und Compliance-by-Design für Entwickler: EU AI Act: Der Praxis-Leitfaden für deutsche Unternehmen
